Ein Hirn geht um die Welt

Brain³ – The Think Series – Eine Entstehungsgeschichte

Kurzbeschreibung

Brain³ zieht den Blick sofort in seinen Bann: ein menschliches Gehirn als verstörende Metapher unserer Zeit – geprägt von Medien,  Manipulation und kollektiven Angstbildern.

Die Skulptur thematisiert die Formbarkeit des Denkens und stellt die Frage, wie sehr Wahrnehmung und Wirklichkeit von äußeren Einflüssen gesteuert werden.

Jede Ausführung wird in individuellen Oberflächen und Variationen gefertigt und macht Brain³ zu einem unverwechselbaren Unikat mit starker visueller Präsenz.

Motivation

Mit Brain³ – The Think Series entwickle ich seit 2018 eine Werkserie über gesellschaftlichen Druck, geistige Verformung und die Verletzlichkeit menschlichen Denkens.

Ausgangspunkt meiner Arbeiten ist das menschliche Gehirn, das durch Druck in eine geometrische Form gepresst wird. Charakteristisch sind die abgeflachten Hirnwindungen – das zentrale Unterscheidungsmerkmal meiner Skulpturen. Mich interessiert nicht das Gehirn als anatomisches Objekt, sondern als Spiegel unserer Zeit.

zeitgenössische Skulptur Stephan Oismüller
Brain³ – The Think Series. 2018 – erste Version

Warum ein Gehirn?

Meine Arbeiten entstehen aus der Frage, was gesellschaftlicher Druck mit menschlichem Denken macht.

Über viele Jahre habe ich beobachtet, wie äußere Systeme zunehmend Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Bewusstsein formen. Informationsflut, Wiederholung, Defragmentierung, Dogmatismus, Emotionalisierung und permanente Reizüberlastung erzeugen einen unsichtbaren Druck auf das Denken.

Mich interessiert dabei weniger die offensichtliche Manipulation als die stille Gewöhnung. Narrative wiederholen sich, Widersprüche verschwinden im Nachrichtenstrom und emotionale Dauerbeschallung ersetzt zunehmend Reflexion.

Das Würfelhirn entstand aus der Vorstellung eines Gehirns, das nicht mehr frei wachsen kann, sondern verdichtet und geformt wird. Die abgeflachten Hirnwindungen sind Ausdruck dieser Kompression.

Inspiration

Im August 2018 wurde der obere Teil der Währinger Straße erneuert und zufällig befand sich ganz in der Nähe meiner Werkstatt ein Haufen alter Straßenpflastersteine. Die Formen wirkten auf mich wie lebendig, jedoch verbraucht und weggeschmissen.
Plötzlich begann ich darin Schädel zu sehen – jene Schädel, die Wassili Wereschtschagin in seinem Gemälde „Apotheose des Krieges“ 1871 verewigte.
Im Alter von 20 Jahren kaufte ich mir ein Buch über russische Maler, und der Schädelhaufen Wereschtschagins löste in mir schon damals ein unglaubliches Entsetzen aus. Nicht in erster Linie der Krieg selbst rief diese Assoziation in mir hervor, sondern vielmehr die Massenmanipulation, die durch die Medienwelt auf uns niederprasselt. Im Laufe der Zeit wurde mir jedoch immer klarer, dass die Kernaussage von Massenmanipulation und kollektivem Denken letztlich immer im Krieg endet.

August 2018. Ein Haufen Pflastersteine in der Währinger Straße 1180 Wien
Wassili Wereschtschagins Gemälde „Apotheose des Krieges“, 1871

Technische Entwicklung

Meine Vorstellung von einem würfelförmigen Hirn war klar definiert. Der wichtigste Aspekt war die gepresste Erscheinungsform, also die Hirnwindungen, die an den Außenflächen abgeflacht waren. Dies erreichte ich, indem ich Würste aus Vergoldermasse in eine vorgefertigte Würfelform presste. Die Verbindungen der Hirnwindungen gestaltete ich so, dass sich eine weiche und harmonische Form ergab.

Schließlich ließ ich das Würfelhirn trocknen und grundierte es anschließend mit Kreidegrund. Nach dem Feinschliff bekam es einen Wachsüberzug als Trennschicht und war somit bereit, abgeformt zu werden. Die erste Silikonform wurde geschaffen und eine Stützform aus Gips hielt sie in Position. Der Grundstein zu meiner Think-Serie wurde gelegt.

Zeitgenössische Skulptur Wien
Die erste Silikonform, die ich für Brain³ herstellte war noch aus härterem Silikon und musste für die Entformung aufgeschnitten werden. Meine ersten Betonhirne hatten deshalb einen Gussgrat.

Materialität und Paradoxon

Hartes Material – weiche fließende Form

Ein wesentliches Spannungsfeld meiner Arbeiten liegt in der Verbindung harter Materialien mit organischen Formen. Das Gehirn erscheint verletzlich und lebendig, besteht jedoch aus massivem Material. Gedanken wirken eingefroren und verhärtet. Die Kombination aus organischer Form und massivem Material erzeugt die charakteristische Spannung meiner Serie.

Ich arbeite mit Beton, Zellan, Gips oder Polyurethan und kombiniere diese Materialien mit weichen, fließenden Gehirnstrukturen. Dieses bewusste Paradoxon verstärkt die Wirkung der Skulpturen.

Besonders Beton besitzt für mich eine starke symbolische Qualität. Das Material steht für Dauerhaftigkeit und Härte. Durch Brennen wird dem Kalkstein Wasser entzogen; fügt man es wieder hinzu, kristallisiert der Beton in eine vorgegebene Form und setzt dabei Wärme frei. Ist er einmal ausgehärtet, lässt er sich nur noch durch Zerstörung verändern – eine Metapher dafür, wie uns etwa Schule prägt und in Formen zwingt.

Das geistige Immunsystem

Metakognition als künstlerisches Prinzip

Im Zentrum meiner Arbeit steht die Idee des geistigen Immunsystems.

Meine Skulpturen sollen Prozesse der Metakognition auslösen – das bewusste Nachdenken über das eigene Denken. Sie richten sich gegen subtile Formen der Gedankenkontrolle und gegen die unreflektierte Übernahme gesellschaftlicher Narrative.

Das Gehirn erscheint dabei nicht als Symbol perfekter Rationalität, sondern als verletzliche und formbare Struktur.

Variationen

 

Ausstellungen der Think Series

Auswahl wichtiger Präsentationen

Werke aus brain³ – the think series wurden unter anderem präsentiert bei:

  • Parallel Vienna
  • Albertina Wien
  • Lange Nacht der Museen
  • Galerie Base AT4
  • Alte Münze Berlin
  • factory18 Wien
  • Big Think – Kunst im öffentlichen Raum Währing
  • Mattigtaler Heckenlabyrinth der Menschenrechte
  • Juwelier Holzhammer
  • Vienna Popup Street
  • Galerie O.HO

Kunst im Öffentlichem Raum

Mit der Big Think Series habe ich die Werkreihe brain³ – the think series in den öffentlichen Raum erweitert. Mich interessierte dabei, wie sich die Wirkung der Skulpturen verändert, wenn sie nicht im geschützten Galerieraum, sondern mitten im Alltag der Menschen auftauchen.

Big Think, Aumannplatz 2, 1180 Wien
Big Think, Währinger Straße 91, 1180 Wien

Die großformatigen Arbeiten entstanden als Betongüsse und wurden teilweise auch als Sitzobjekte konzipiert. Dadurch entsteht eine direkte körperliche Begegnung mit der Skulptur. Menschen gehen daran vorbei, berühren sie, setzen sich darauf oder bleiben stehen. Genau diese unmittelbare Präsenz interessiert mich.

Die Arbeiten verbinden organische Gehirnstrukturen mit massiver architektonischer Form. Das Gehirn wird zum öffentlichen Denkobjekt.

Ausstellungsorte im öffentlichen Raum

2019–2021 – Big Think – Währing (Österreich)

Im Wiener Bezirk Währing wurde Big Think als großformatige Betonskulptur im öffentlichen Raum präsentiert. Die Arbeit thematisierte gesellschaftlichen Druck, Wahrnehmung und geistige Formung im urbanen Umfeld.

2020 – Big Think – Mattigtaler Heckenlabyrinth der Menschenrechte (Österreich)

Für das Mattigtaler Heckenlabyrinth der Menschenrechte entstand eine große Version von brain³ als Betonguss und Sitzgelegenheit. Im Kontext der Menschenrechte erhielt die Arbeit eine zusätzliche Bedeutungsebene: das freie Denken als Grundlage individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung.

Die Verbindung aus körperlicher Nutzung, öffentlichem Raum und Reflexion über Bewusstsein und Manipulation wurde zu einem zentralen Bestandteil der Arbeit.

Sammlungen und Ankäufe

brain³ – Think Series in Privatsammlungen (Auswahl)

Werke aus meiner brain³ – Think Series befinden sich in privaten Sammlungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz, darunter:

  • Dr. Volkmar Käppl
  • Dr. Ronald Rohrer
  • Dr. Gedeon Perneczky
  • Mag. Ulrike Nittmann
  • Markus Schweizer
  • Christa und Nikolaus Kodolitsch
  • Franz Maurer

Die zunehmende Präsenz der Serie in privaten Sammlungen zeigt für mich, dass gesellschaftlich reflektierende zeitgenössische Skulptur heute wieder stärker wahrgenommen wird. Außerdem freut es mich sehr, dass sich dadurch eine Gesinnung der Eigenständigkeit und Autonomie des Individuums ausbreitet – ganz im Gegensatz zu zentraler Steuerung bis ins private Leben.

Artist Statement

Meine Hirnskulptur BRAIN³ – THINK SERIES aktiviert das geistige Immunsystem durch Metakognition – das bewusste Nachdenken über das eigene Denken. Sie richtet sich gegen subtile Gedankenkontrolle und erinnert daran, dass geistige Autonomie nur dort entsteht, wo Selbstreflexion möglich bleibt.“

Pressetext

„Brain³ – Ein Hirn geht um die Welt“ ist eine skulpturale Auseinandersetzung mit Manipulation, Medienrealität und kollektivem Denken. Das Gehirn erscheint dabei nicht als Symbol reiner Vernunft, sondern als verletzliche Masse, formbar durch Angst, Ideologien und permanente Reizüberflutung.

Die Arbeit thematisiert den schleichenden Verlust individueller Wahrnehmung in einer Welt widersprüchlicher Informationen und verweist auf die fragile Grenze zwischen Denken, Glauben und gesellschaftlicher Steuerung.

Durch unterschiedliche Oberflächenbearbeitungen und Materialvariationen entsteht aus jeder Skulptur ein eigenständiges Objekt zwischen Kunstwerk und Mahnmal.

Nach oben scrollen